Vergil
Herkunft, Kindheit und Ausbildung
Publius Vergilius Maro wurde 7o v.Chr. in Andes bei Mantua als Sohn einfacher, aber nicht unvermögender Gutsbesitzer
geboren. Sein Vater soll sich vom Tagelöhner in den Mittelstand hochgearbeitet haben. Die
Eltern konnten ihm somit eine umfassende Schul- und rhetorische Ausbildung in Cremona und
Mailand ermöglichen, dann - nach dem Anlegen der toga virilis am 15.1o.55 - in Rom und
Neapel. Nach einem einmaligen Misserfolg bei einem öffentlichen Auftritt verfolgte er
seine Laufbahn als Redner nicht weiter.
Hang zur Dichtung im Kreis des Maecenas
Ab ca. 54 verfasste Vergil seine Jugendgedichte. Im Jahre 5o
hörte er in Neapel der Epikureer Siron. Nach der Schlacht von Philippi im Jahre 42 verlor
er durch Enteignung infolge der Landverteilung oktavians den väterlichen Grundbesitz bei
Mantua (vgl. Ekloge 1), erhält diesen aber später durch Vermittlung eines hochrangigen
Gönners - wahrscheinlich des Asinius Pollio, der die erste Bibliothek in
Rom gegründet hatte und junge Dichtertalente förderte - von oktavian wieder zurück. Im
Dichterkreis seines neuen Förderers Maecenas findet er Freundschaft und
Rückhalt für sein dichterisches Schaffen, das sich rasch hin zu einer eher
staatstragenden Dichtung im Sinne der Reformpolitik des oktavian-Augustus entwickelte. Es
entstanden nach den Jugendgedichten und der Eklogensammlung Bucolica
(42-39) die Georgica (ca. 37-3o). In den Jahren 29-19 arbeitete Vergil im
Sinne des Prinzeps Augustus an einem Epos, das zugleich sein Hauptwerk darstellt: der Aeneis.
Tod und Schicksal der Aeneis
Im Jahre 2o reist der Dichter nach Griechenland, um dort und in Kleinasien, der
Heimat seines Vorbildes Homer, das Epos fertigzustellen. Mit Augustus, den er in Athen
traf, reist er zurück nach Rom. Während der Reise erkrankt Vergil und stirbt am 21.9.19
v.Chr. in Brindisi. Beerdigt wurde er in Neapel. Trotz seiner testamentarischen
Bestimmung, die unvollendete Aeneis nach seinem Tod den Flammen zu übergeben, wird das
Werk auf Befehl des Augustus vor der Vernichtung gerettet und im Jahre 17 v.Chr. von
Lucius Varius und Tucca veröffentlicht.
Werke
1. Bucolica (Eklogen)
Die Bucolica sind eine Sammlung von 1o hexametrischen, nach hellenistischer Tradition
ausgefeilten Kurzgedichten, die jeweils aus 63-111 Versen bestehen. Sie stellen die
phantastische Idylle des Hirtenlebens in der griechischen Landschaft Arkadien gegen die
politischen Wirrnisse der gesellschaftlichen Realität des Dichters Vergil. Es geht
vordergründig um Hirten, die sowohl Dichter als auch unglücklich Liebende sind.
Hauptthema scheint aber das Dichten und das Leben als Dichter zu sein - mit all seinen
Reizen und Gefahren.
Vorbild im Bereich der Bukolik (Hirtendichtung) ist der griechische
Erfinder dieser Literaturgattung Theokrit. Über Theokrit hinaus spielt bei Vergil jedoch
die zeitgenössische politische Situation eine nicht zu überhörende, deutliche Rolle.
Die Sehnsucht der Zeitgenossen nach einem Retter, der die drängende Friedenssehnsucht
erfüllt, zeigt sich in der berühmten 4. Ekloge, welche in der christlichen Tradition
antiker Literatur als Hymne auf die Geburt Christi gedeutet wurde, aber wahrscheinlich der
Geburt des Sohnes des ersten Gönners Asinius Pollio gilt.
2. Georgica
Die Georgica ist im Kern ein Lehrgedicht über den Landbau. Sie besteht
aus vier Büchern und ist im Versmaß des Hexameters geschrieben, wobei die Bücher
jeweils 514 bis zu 566 Versen umfassen. Vergil beschreibt die Natur jedoch nicht aus
agrarökonomischer Perspektive. Der Dichter will hier keine Handlungsanweisungen für
römische Bauern geben, sondern Lektüre für den gebildeten Städter, der Ackerbau (Buch
1), Baumzucht (Buch 2), Viehzucht (Buch 3) und Bienenzucht (Buch 4) eher als Beispiele
für kulturelle Errungenschaften und für die Verantwortung des Menschen gegenüber der
Natur begreift.
Vergil greift auch hier auf den griechischen Erfinder der Literaturgattung des
Lehrgedichtes zurück, Hesiod. Auch ein römisches Vorbild ist diesmal greifbar: das
umfangreiche Lehrgedicht "de rerum natura" des Lukrez.
3. Aeneis
Das Hauptwerk Vergils ist ein aus 12 Büchern bestehendes Heldenepos
über die Irrfahrten des Aeneas, des Stammvaters des julischen Hauses (das identisch mit
dem Kaiserhaus des Caesar-Augustus ist), vom Untergang Trojas bis zur Sicherung der neuen
Heimat in Latium (Italien) und den Grundsteinen der späteren römischen Weltherrschaft.
Die Aeneis war das Nationalepos der Römer und schon kurz nach ihrer
Entstehung Pflichtlektüre eines jeden römischen Schülers. Somit hatte er den Erfolg
seines großen griechischen Vorbildes im Bereich des Lateinischen wiederholt: die Epen
"odyssee" und "Ilias" des Griechen Homer waren in Griechenland über
Jahrhunderte verpflichtende Schullektüren gewesen, aus denen man nach griechischer
Ansicht alles Wissenswerte für das Leben erfahren konnte.
Das Epos Vergils sollte beides sein: eine Odyssee und eine Ilias. Die ersten 6 Bücher der
Aeneis handeln von den Irrfahrten des Aeneas bis kurz vor der Landung in Latium. Die
folgenden sechs Bücher enthalten, wie die Ilias des Homer, Kämpfe, die nach der
Niederwerfung der Gegner, welche die Ansiedelung der Fremden verhindern wollen, an dem
Punkt enden, als der Weg für die Gründung der Stadt Lavinium freisteht. Von dieser Stadt
aus soll daraufhin die Stadt Alba Longa, dann Rom selbst gegründet werden, das unter der
Regierung der julischen Familie (gens Iulia) und in der Friedensherrschaft des
Aeneasnachfolgers Augustus einer blühenden Zukunft entgegensehen kann. Die geschichtliche
Gegenwart des Dichters wird also innerhalb seines Epos vorweggenommen und als
verheißungsvolle Zukunft gefeiert. Damit ist der Augustus verherrlichende
Charakter der Aeneis recht offensichtlich.
Für Vergil war bereits durch die Wahl seines Stoffes der Preis des Kaisers Augustus
eingeschlossen, da dieser infolge der Adoption durch Caesar zum julischen Geschlecht
gehörte, das seine Abstammung offiziell auf dei Göttin Venus, die Mutter des Aeneas,
zurückführte. An zwei Stellen der Aeneis (Abstieg des Aeneas in die Unterwelt mit der
Heldenschau; Schildbeschreibung) bezieht sich Vergil ganz konkret auf das Reich des
Augustus als die Erfüllung des vom Schicksal vorbestimmten Verlaufs der römischen
Geschichte.
Bedeutung Vergils
Vergils Dichtungen sind Sprachkunstwerke höchsten Ranges. Schon zu seinen Lebzeiten
berühmt, wurde Vergil nicht nur sogleich Schulautor, sondern in der gesamten Antike zum
verbindlichen Vorbild für alle Dichtung. Insbesondere durch die verheißungsvolle
Heilandshoffung in Ekloge 4 galt er dem Mittelalter als wichtigster
"christlicher" Dichter der heidnischen Antike. Die Nachwirkung Vergils
durchzieht nicht nur das Mittelalter, sondern erstreckt sich über die Renaissance (Dantes
Divina Commedia) bis in die Neuzeit und äußert sich in der Schaffung neuer
Literaturgattungen ebenso wie in Musik und bildender Kunst. In Malerei, Oper und Drama
wurde insbesondere der Dido-Stoff der Aeneis oft weiterverarbeitet.
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