Priester in Rom

Wer Priester werden konnte

Es gab viele und verschiedene Priesterämter in Rom. Einen geschlossenen Priesterstand gab es jedoch nicht. Jeder römische Bürger konnte zum Priester gewählt oder ernannt werden, wenn er Vollbürger, nicht als Sklave geboren, nicht vorbestraft und ohne körperliche oder geistige Gebrechen war. In der Anfangszeit Roms musste jeder Priester von Geburt an Patrizier sein, d.h. einem der römischen Adelsgeschlechter angehören. Durch die lex Ogulnia wurde um 300 v.Chr. bestimmt, dass auch Plebeijer, d.h. die römische Unterschicht, die priesterlichen Ämter bekleiden konnten. In einigen Priesterämtern jedoch blieb die adlige Herkunft traditionell Voraussetzung für die Bekleidung des Amtes.


Der Pontifex Maximus

In der römischen Frühzeit sind die Priester wohl von den Königen bestimmt worden. Später übernahm der Oberpriester, der Pontifex Maximus (der Papst trägt heute diesen Titel), die Ernennung der anderen Priester. Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. wurde der Pontifex Maximus von 17 Stimmbezirken der Stadt Rom gewählt.


Inauguratio und Exauguratio

Der Antritt eines Prieseramtes war mit einer Zeremonie verbunden, der sogenannten inauguratio, bei der man die Priesterwürde auf Lebenszeit erlangte. Legte ein Priester sein Amt nieder, so war sein Ausscheiden aus dem Amt von einer weiteren Zeremonie begleitet, der exauguratio.


Gesellschaftliche Stellung der Priester

Der römische Staat gewährte seinen Priestern Steuerfreiheit und befreite sie von der Pflicht des Militärdienstes. Außerdem gab es bei öffentlichen Veranstaltungen und in den Theatern Ehrenplätze, die den Priestern vorbehalten waren.


Herkunft des Wortes 'sacerdos'

Das lateinisch Wort für Priester heißt sacerdos, das sich von sacer (heilig) und einem indogermanischen Wort mit der Wurzel "dhe" ableitet, das so viel wie "tun, machen" bedeutete. Die Bezeichnung sacerdos beschrieb also ursprünglich den Tätigkeitsbereich der Priester: Verrichtung der heiligen Handlungen und der Opferungen. Zusätzlich sind die Priester für das gute Verhältnis von Menschen und Göttern zuständig und haben die Aufgabe, den Willen der Götter zu ermitteln.


Die verschiedenen Priesterkollegien

Viele verschiedene Kulte oblagen den Priesterkollegien, von denen es insgesamt 4 gab:

1. die pontifices

Ihr Name leitet sich von "pons" (Brücke) und "facere" (machen, tun) ab und bedeutet daher so viel wie "Brückenbauer". Die pontifices bildeten das wichtigste Priesterkollegium. Ihre Aufgabe bestand darin, den Magistraten bei öffentlichen Handlungen durch Gebets-, Gelübde- und  Weiheformeln beizustehen und die üblichen Opferrituale durchzuführen. Sie legten Kultstätten und Kulttage fest, waren für die Begräbnisriten zuständig und beaufsichtigten den Totenkult und die Gräberpflege.

2. die augures

Ihr Name leitet sich von "augere" (mehren, fördern) ab und bedeutet daher "Mehrer, Förderer". Die Auguren hatten die Aufgabe, die Vorzeichen aus dem Vogelflug oder dem Schreien der Vögel zu ermitteln und so den Willen der unsterblichen Götter zu ergründen und zu verkünden. Besonders die Pflege und Beobachtung der heiligen Hühner (!) oblag den Auguren. Auch Blitz und Donner wurden von ihnen ausgedeutet. Zur Beobachtung markierten die Auguren mit ihrem Krummstab (lituus) einen Raum, in dem sich das auzudeutende Vorzeichen ereignen oder von dem aus es beobachtet werden sollte. Dieser abgegrenzte Raum hieß templum und nahm später die Bedeutung "Tempel" an, als man dazu überging, Bauwerke für den Kultus zu errichten.


3. die tresviri epulonum (Dreimännerkollegium für Göttermähler)

Dieses Kollegium musste an bedeutenden römischen Festtagen Festmahlzeiten auf dem Kapitol ausrichten.


4. die quindecimviri sacris faciundis (Fünfzehnmännerkollegium für heilige Handlungen)

Aufgabe des Fünfzehnmännerkollegiums war es, in Krisenzeiten die sogenannten Sibyllinischen Bücher - eine Orakelspruchsammlung in griechischer Sprache, die angeblich von der Seherin Sibylle von Cumae stammte - zu befragen und den jeweils per Zufall ermittelten Orakelspruch zur Bewältigung der Krisensituation auszudeuten. Außerdem war dieses Kollegium für die vor allem in späterer Zeit aufblühenden fremden Kultgemeinschaften zuständig.


Brüderschaften und ihre Riten

Neben diesen collegia gab es mehrere sodalitates, die als "Brüderschaften" die eigentlichen Priesterkollegien entlasteten, indem sie festgelegte Riten zu erfüllen hatten.  Die Fetialpriester waren für den internationalen Rechtsverkehr zuständig und bekräftigten geschlossene Bündnisse oder erklärten, dass Kriege des römischen Volkes gegen andere Völker gerecht, d.h. völkerrechtlich und politisch gerechtfetigt waren (bella iusta).
Die sogenannten   Salier  ("Salier" < "salire" = springen) feierten durch Springzeremonien den Beginn der kriegerischen Jahreszeit.  Die Luperci ("Luperci" < "lupus" = Wolf) mussten Sühneriten durchführen. Dazu liefen sie, nur mit einem Schurz aus Ziegenfell bekleidet, durch die Stadt und schlugen die römischen Frauen mit Riemen aus Bockshaut, um deren Fruchtbarkeit zu erhöhen. Die Frauen waren - wie es der römische Dichter   Ovid  in seinem Festkalender (fasti) beschreibt - richtig versessen darauf,  einem Salier über den Weg zu laufen...
Die Arvalbrüder ("arvum" = Feld) hatten die Aufgabe, Riten durchzuführen, um die Fruchtbarkeit der Felder zu fördern.


Die Kaiserkulte

Ein wichtiger Zuständigkeitsbereich für Priester in der Kaiserzeit waren die sogenannten Kaiserkulte, die ebenfalls von Kultbruderschaften ausgeübt wurden. So entstanden nach der Einführung der Alleinherrschaft in Rom die sodales Augustales, Claudiales, Flaviales, Hadrianales usw.


Die Flamines

Für einzelne Götter waren spezielle Priester zuständig, die deren Kultus durchführten, die sogenannten flamines. Unter ihnen nahm der Rex sacrorum die höchste Position ein. Zu den Einzelpriestern gehörten die drei flamines maiores, denen der Kult des   Juppiter, des   Mars  und des Quirinus (= des vergöttlichten Romulus) zufiel. Die 15 flamines minores waren für alle anderen Hauptgottheiten zuständig.


Die Vestalinnen

Eine Besonderheit stellen die sechs Vestalinnen dar, die zunächst das heilige Stadtfeuer im Tempel der   Vesta  auf dem Forum Romanum zu bewachen hatten. Die Römer verbanden das stetige Brennen des heiligen Herdes der Vesta mit dem Schicksal ihrer Stadt und dem des gesamten römischen Reiches. Das Verlöschen des Feuers galt als das schlimmste Vorzeichen, das die Götter geben konnten.
Die vestalischen Jungfrauen bewahrten in republikanischen Zeiten auch die Testamente auf, unter anderen auch das Testament des ermordeten   Caesar. Die Vestalinnen wurden bereits als Kinder in die Priesterschaft der Vesta eingeführt und lebten 30 Jahre als Priesterinnen der Vesta in einem eigens für sie errichteten Haus unmittelbar neben dem Tempel der Vesta auf dem Forum Romanum. Während dieser 3o Jahre mussten sie keusch leben. Bei Verstoß gegen ihr Keuschheitsgelübde wurden sie mit einem grausamen Tod bestraft: man begrub sie lebendig !


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