Catull
Catull in seiner Zeit
C. Valerius Catullus lebte im letzten vorchristlichen Jahrhundert, einer unruhigen Zeit großer Veränderungen,
in der die politischen und sozialen Auseinandersetzungen zwischen der untergehenden
republikanischen Zeit und der sich entwickelnden Alleinherrschaft des Prinzipats
stattfanden. Catull wurde ca. 84 v.Chr. geboren, ist etwa 2o Jahre jünger als der große
Politiker und Redner der ausgehenden Republik
Cicero,
etwa 15 Jahre jünger als Caesar (1oo v.Chr. geboren), starb aber vor beiden im Jahre 54
v.Chr.
Er erlebte also Ciceros Konsulat, die Catilinarische Verschwörung (63), das erste
Triumvirat (59) und die erste Hälfte von Caesars Statthalterschaft und Kriegserfolgen in
Gallien. Catull selbst aber scheint sich aus den politischen Spannungen seiner Zeit
herausgehalten zu haben, denn seine Gedichte zeigen das Bild eines ganz anderen Lebens als
das des Sicheinbringens in den Dienst der res publica. Die politischen Anklänge in seiner
kleinen Gedichtsammlung sind zumeist ironisch-herablassende Angriffe gegen Caesar und
seine Parteigänger, aber diese sind in spielerisch-ironischer Form gehalten und verraten
daher kein echtes politisches Engagement.
Neoterische Dichtung
Als Catull als junger Mann aus seiner Geburtsstadt Verona nach Rom kam, schloss er sich
dort einem Kreis gleichgesinnter Dichter an, deren Führer Valerius Cato war. Da Cicero
diese Dichter 'poetae novi' nannte, also Neulinge (gr. Neoteroi), so spricht man auch
heute in der Literaturwissenschaft von den Neoterikern. Schwerpunkte dieser in Rom neuen
Art von Dichtung waren:
- neues, modernes, sich nicht mehr an den klassischen griechischen Dichtern orientierendes
Verständnis von Dichtung
- Spiel mit den durch die Tradition festgelegten Gattungen
- Spiel mit literarischen Gestaltungsmitteln um ihrer selbst willen
(l´art pour l´art : Kunst um der Kunst willen)
- Hang zur literarischen, kunstvoll ausgefeilten Kleinform
- Ablehnung staatstragender Dichtungen
- Ablehnung der poetischen Großform des Epos, stattdessen Hang zur Kleinform des Epyllion
- Stoffe sind zumeist abgelegene Mythen und insbesondere unglückliche Liebesbeziehungen
Kallimachos
Statt sich an die römische literarische Tradition zu halten, erhoben diese jungen Dichter
den griechisch-hellenistischen Dichter und Bibliothekar KALLIMACHOS (ca. 31o-24o) zum
Vorbild, den Hauptvertreter jener durch Gelehrsamkeit und Liebe zum Detail ausgezeichneten
Richtung griechischer Dichtung, die man nach ihrem Zentrum, der berühmten
Bibliotheksstadt Alexandria, die alexandrinische Dichtung nennt. Inbesondere Cicero lehnte
diese neue literarische Strömung ab.
Die Dichtung Catulls
Catulls Werk, diese Sammlung meist kurzer, kunstvoller Gedichte, welche er selbst als
"nugae" (Späße) bezeichnet hat, ist ein typisch neoterisches Werk. Es
behandelt nicht nur Themen aus dem Mythos und berichtet offen von privaten Interessen und
Erlebnissen, sondern findet sein Hauptthema in der Liebesbeziehung Catulls zu Lesbia. Der
Name Lesbia ist jedoch ein Pseudonym. In Wirklichkeit spricht der Dichter von Clodia,
einer verheirateten, gebildeten, schönen, eleganten aber sittenlosen Frau, der Schwester
des Volkstribunen Clodius Pulcher, der Cicero in die Verbannung trieb.
Aufbau der Gedichtsammlung
In Catulls Gedichten erleben wir die Entwicklung einer leidenschaftlichen Liebe von
höchstem Glück bis zur größten Verzweiflung des unlücklich liebenden Dichters:
1. Phase der Eroberung und des ungetrübten Glücks
- carmina 83, 92 Eroberungsgedichte
- carmina 5, 7 Kussgedichte (Basiagedichte)
2. Phase des an der Leidenschaft Leidenden
- carmina 2, 3 Gedichte an den Spatz Lesbias
- carmen 6o Klage über die Hartherzigkeit Lesbias
3. Reaktion Catulls auf die Untreue Lesbias
- carmen 8 erster Versuch, der Liebe zu entsagen
- carmen 11 Freunde Catulls sollen Lesbia seine Absage an die Liebe überbringen
- carmen 76 Gebet an die Götter um Erlösung von seiner Liebesqual
- carmina 72,75,85 Catull wird sich seiner Hassliebe zu Lesbia bewusst
Weitere Themen und herausragende Gedichte
1. Angriffe gegen Caesar und dessen Parteigänger (z.B. carmen 29, 57, 93, 114, 115)
Cornelius Nepos (carmen 1:
novum libellum, nugae: neoterisches Programm)Nachwirkungen Catulls
Stichwortartig lässt sich Catulls Wirkung auf die römische Dichtung folgendermaßen zusammenfassen:
- als Begründer der subjektiven Liebeselegie (carmen 68) große Wirkung auf die
Liebeselegie des
Properz, des Tibull, des
Ovid und des Gallus.
- prägender Einfluss auf die Dichtungen des
Horaz
- in der Neuzeit wird das Leben Catulls zum Gegenstand zahlreicher Romane
(z.B. Thornton Wilder, The Ides of March, 1948)
- Carl Orff entdeckt an Catull die Eignung der lateinischen Sprache für die Musik
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