Briefliteratur in Rom

[nach Manfred Fuhrmann, W.Schindler, M. Lausberg]

Allgemeines

Material

a) Holztäfelchen + Wachs
b) Papyrus, gerollt, zugebunden und versiegelt

Grundform, Elemente

a) Absender vor Empfänger genannt
b) Gruß am Anfang: Caesar Ciceroni s(alutem) p(lurimam) d(icit)
c) Kurzform des Briefs: S.V.B.E.E.V. (si vales, bene est. ego valeo)
d) Ende: vale (bzw. ähnlicher Wunsch)

- die literarischen Briefe spielen mit diesen Elementen ebenso wie mit der antiken Brieftheorie

- Bedeutungszuwachs der Briefe mit steigendem Interesse fürs Persönliche

- (scheinbar) anspruchslose Form für verschiedenste Inhalte geeignet

- bestimmte Epochen erheben den Brief zur Literatur und gebrauchen ihn zu den verschiedensten Zwecken

- Brief ist wichtiges Gefäß für Persönlichkeitsdichtung und persönliche Prosa


Griechischer Hintergrund

- was aus hellenistischer Literatur an Briefen erhalten ist, dürfte zum größten Teil stilisiert oder gefälscht sein (Unechtheit der Phalaris-Briefe von Bentley 1699 bewiesen); unechte Briefe entstammen zumeist späterer Rhetorikübungen (suasoriae).

- in Echtheit umstritten: Briefe von Isokrates, Demosthenes, Platon (7. Brief von insg. 13 (um 355; Sizilien und Ideenlehre) gilt zumeist als echt)

- sicher authentisch sind Briefe Epikurs, doch diese sind Abhandlungen in Briefform (Brief an Herodotos (epikureische Physik), Pythokles (Erklärungen der Himmelserscheinungen), Menoikeus (Ethik)).

- Lehrbriefe schon seit dem 5. Jhdt. v.Chr.: Empedokles, Isokrates, Theopomp, Aristoteles

- Poetisierung des Briefes schon bei Alkaios (um 600; Lyriker)

- Briefe aus späterer Zeit: Iulian Apostata, Libanios (1500 Briefe), Synesios und Kirchenväter

- zur "schönen" Briefliteratur gehören: Alkiphron (fiktiv: Fischerbriefe, Bauernbriefe, Parasitenbriefe, Hetärenbriefe), Ailianos (Bauernbriefe), Aristainetos (fiktiv: Liebesbriefe), Philostratos (Liebesbriefe)


Römische Entwicklung

- vor Cicero: Brief Catos an seinen Sohn (frgm.); Brief der Mutter der Gracchen (Cornelia), der eine bewegende Warnung an Gaius enthält, sich nicht um das Konsulat zu bewerben. Echtheit umstritten.


Ciceros Korrespondenz

- 846 Briefe in 4 (?) Sammlungen (37 Bücher; epist., ad Atticum, ad familiares, ad Q. fratrem, ad Brutum)

- 90 an Cicero gerichtet (von Pompeius, Caesar, Brutus, Cato, Antonius, Bruder Quintus, Atticus)

- Skala reicht von rasch hingeworfenen persönlichen Billets bis zu offiziellen Schreiben, deren Worte bis ins Letzte abgewogen sind; z.T. auch belehrende Intention


Catull

- eingestreute Briefe (z.B. 13, die berühmte Einladung "cenabis bene...")


Zeit des Augustus

- Literarisierung der Epistel in poetischer Form (schon Alkaios)

-    Horaz  gestaltet den ethischen Brief als hexametrisches Genre (erhebt den poetischen Brief zu einer eigenen Gattung), das seine Satirendichtung auf höherer Ebene fortsetzt (moralisch-ethische Thematik).

-    Ovid  schafft (parallel zu Properzens Arethusa-Epistel) die elegische Form des Heroidenbriefes, die Briefsammlung als Enzyklopädie der Frauenseele: fingierte Liebesbriefe mythischer Frauen. Seine Briefe aus der Verbannung entdecken die Sehnsucht nach Rom als Thema, verfolgen aber auch einen praktischen Zweck

- Elegiker:   Properz  1, 11; 4,3 (Arethusa); Tibull/Lygdamus 3, 5.

Nachklassik

Statius (geboren 96 n.Chr.), Martial (40-104): Widmungsbriefe


Spätantike

Poetische Briefsammlung des Ausonius (Ende 4. Jhdt.)


Seneca

Der prosaischer Brief erreicht mit   Seneca  neue Höhe und literarische Würde

- Brief wird zum Träger der Meditation und Selbsterziehung

- es ist kein Zufall, dass gerade in der frühen Kaiserzeit "niedere" Gattungen wie Brief, Epigramm, Fabel zu literarischer Höhe und voller Reife gelangen


d) Gleichzeitig Siegeslauf der prosaischen Widmungsepistel in den verschiedensten Gattungen von der Fachschriftstellerei bis zur Gedichtsammlung


Plinius der Jüngere

- andere Literarisierung des Genos bei Plinius (61-112)

- sein Briefcorpus ist ein Siegel seiner Person und der Gesellschaft, in der er lebt

- Bürgergesinnung des Autors wird dokumentiert und recht unbefangen als Vorbild dargestellt


Fronto

Frontos (Lehrer Marc Aurels; 2. Jhdt. n.Chr.) Korrespondenz offenbart seine literarischen und rhetorischen Absichten, die er höher stellt als die Philosophie


Spätantike Sammlungen

- knüpfen schon in Buchzahl (10) und Gruppierung an Plinius an

- Briefe sind oft mehr Reflex einer Gesellschaft als einer Persönlichkeit (Symmachus)

- bisweilen inhaltlose Komplimente (Sidonius)

- Hieronymus (420 gest.): geborener Briefeschreiber (ciceronianisch); Briefe sehr vielfältig: von Nachruf bis Abhandlung alles vertreten; lebendiges Bild der Adressaten oder der Menschen, mit denen er zusammen gelebt und gelitten hat.

- Augustinus: Briefe zeigen den Bischof weniger persönlich als die Confessiones; Schreiben von Bischöfen dienen - in der Nachfolge der neutestamentlichen Episteln - in erster Linie didaktischen und erzieherischen Zwecken


Literarische Technik

- Antithese zwischen "spontanen" und "literarischen" Briefen sollte man nicht absolut setzen

- Briefe an den Senat können Charakter kürzerer Reden haben

- auch in knappen Privatmitteilungen sorgfältig kalkulierter Aufbau (wie von selbst); Bsp. Plinius, ep. I, 11: Anfangsthese: Du schreibst mir nicht; Einwand: Du sagst, es gebe nichts zu schreiben; Argumentation: Dann schreibe, dass du nichts zu schreiben weißt, wenn auch nur S.V.B.E.E.V. Peroratio: Das ist mein Ernst. Schreibe mir, wie es dir geht! Ungewissheit ist beunruhigend. Manche Briefe des Plinius sind so kurz und geschliffen, dass
man sie als "Epigramme in Prosa" (Guillemin) bezeichnen könnte.

- je nach Inhalt verschiedene Untergattungen:
- Glückwünsche
- Trostbriefe
- Empfehlungsbriefe (Cic. fam. 13)

- Briefform kann auch als Einkleidung verwendet werden:
- publizistische Briefe
- Lehrbriefe
- ganze Abhandlungen in Briefform
- Widmungsbriefe
- fingierte und pseudonyme Briefe

- die poetischen Episteln des   Horaz  sind zwischen Satire, Lehrbrief und Privatbrief anzusiedeln, ohne sich in ein Schema pressen zu lassen

- Zu Literaturgattungen entwickeln sich:
- Briefromane
- Liebesbriefe
- mimische Briefe

Sie entspringen der rhetorischen Ethopoiie. Die von   Ovid  begründete Gattung des Heroidenbriefes
ist ein poetisches Seitenstück dazu.


Sprache und Stil

- am breitesten ist die Streuung vom Umgangssprachlichen bis zum Hochrhetorischen in Ciceros Briefen. Je nach Adressaten und Thema wandelt sich der Stil in feinen Nuancen.
- Kriterien für öffentlichen oder privaten Charakter sind:
- Anwendung der Klauseln
- Zufügung oder Auslassung von Titeln und Datum
- Verwendung von Ellipsen
- Andeutungen, die nur für einen einzigen Leser (den Adressaten) verständlich sind

- die privatesten Briefe sind reich an Umgangssprache, Sprichwörtern, griechischen Satzfetzen oder Zitaten, Rätseln oder Allegorien; spielerische Augenblicksbildungen (facteon).

- offizielle Schreiben tragen Titel und Datum

- am höflichsten ist die Korrespondenz zwischen Feinden (Antonius - Cicero)


Gedankenwelt I (Literarische Reflexion)

- bestimmte Grundzüge gelten nach antiker Auffassung (vgl. Artemon von Kassandreia; Cicero fam.; Quintilian, inst. 9,4,19f.; Seneca, ep. 75 [nicht unterhalten sollen Briefe, sondern nützen]; u.a.) für alle Briefe

- insbesondere: brevitas ; aber: Beschränkung auf nur ein Thema wohl nur bei Plinius

- Brief soll aus demselben Grund auf rhetorischen Schmuck verzichten, nicht aber auf Anmut (gratia sine ostentatione; Iul. 446, 15)

- Brief als Bild der eigenen Seele (Demetrius: 1. Jhdt. n.Chr.; typoi epistolikoi; Brieftheorie mit Musterbriefen für verschiedenen Gelegenheiten; erste Stelle: typos philikos, der Freundschaftsbrief!)

- Briefe sind Gespräche zwischen Abwesenden bzw. halbierte Dialoge

- daher: kommunikativer Charakter, Nähe zur gebildeten (nicht vulgären) Umgangssprache (Cic. fam. 9,21,1)

- Periodenstil ist zu meiden !

- Asyndeton schmückt den Brief !

- Brief muss dem Adressaten angepasst sein

- philosophische Spitzfindigkeiten daher in den meisten Fällen nicht erlaubt

- Abfassung von Liebesbriefen: Ovid ars I, 467f. (sit tibi credibilis sermo consuetaque verba,/ blanda tamen, praesens ut videare loqui.)

-    Cicero  unterscheidet verschiedene Gattungen von Briefen, insbesondere publicae und privatae.

Sonst übernimmt er die Einteilung nach
1) einfache, faktische Mitteilungen;
2) Briefe, die auf Gefühle eingehen; die letzteren zerfallen in das genus familiare et iocosum und das genus severum et grave

- dem genus iocosum steht der Brieftypus nahe, der keine Mitteilung enthält, sondern allein der Kommunikation dient. Dieser ist wichtig: Schreiber und Empfänger schenken hier einander das Kostbarste, was sie haben: ZEIT


Gedankenwelt II

- Ciceros private Briefe:
keine Verstellung, kein ideologisch verklärtes Bild des Verfassers; sie lassen Leser Freud und Leid unmittelbar mitempfinden (große Ausnahme). Eingeständnis von Mutlosigkeit und Schwäche.

- Horaz führt seine Leser, meist jüngere Menschen aus der Umgebung des Tiberius, schonend und höflich, aber unmissverständlich zu moralischen Einsichten über das recte vivere. In diesen raffinierten Kunstwerken lässt sich die philosophische Botschaft nicht von ihrer perfekten literarischen Form trennen. Wahrheit und Schönheit bilden eine klassische Einheit.

- Ovids Heroiden dagegen streben nicht nach innerem Gleichgewicht, sie wollen nicht belehren und lassen sich nicht belehren. Diese elegischen Episteln sind Spiegel der Frauenseele, auch gerade der irrenden; Rhetorik will Abgründe der Seele aufdecken; die mit den Heroiden vergleichbaren Verbannungsgedichte beleuchten das Thema "Trennung" von der Seite des Mannes; doch kommt hier die Absicht hinzu, den Adressaten zu bewegen, sich für die Rückberufung des Autors nach Rom einzusetzen. Entdeckt wird das unsterbliche Thema: Sehnsucht nach Rom.

- Seneca will den Leser nicht in Ruhe lassen, sondern aufrütteln. Er soll zu einem bewusst und intensiv gelebten Leben finden. Diente die Rhetorik in Ovids Heroiden dem Ausloten der Seelentiefen, so wird sie nun zum Mittel der Erziehung und Selbstbeeinflussung.  Der Wille soll in Bewegung gesetzt werden.

- Plinius: Hauptthema der Korrespondenz nicht die Tugenden des Philosophen, sondern die Tugenden des Bürgers und Beamten; notwendiges Gegenstück zum Panegyricus, der die Herrschertugenden preist. Nebenbei entsteht Bild der damaligen Gesellschaft und des Schreibers, stärker stilisiert als bei Cicero: Die Briefsammlung des Plinius ist vom Autor als Kunstwerk gestaltet.

- Briefe der Spätantike sind nicht immer menschlich aufschlussreich; Werte der aristokratischen Gesellschaft, der Schule und der Kirche dominieren; zuweilen fühlt man den Pulsschlag der Zeit: der Rheoriklehrer Fronto (M. Cornelius Fronto, 143 Konsul, Antonius Pius bestellte ihn zum Erzieher der Thronfolge; Korrespondenz mit M. Aurel) kann nicht verschmerzen, dass er seinen Zögling Marc Aurel an die Philosophie verliert. Briefwechsel Ausonius - Paulinus;  Kirchenlehrer: starker Praxisbezug; persönliche Töne besonders bei Hieronymus, der uns die
Tugenden und die kleinen Fehler seiner geistlichen Brüder und Schwestern mit der Kraft des geborenen Satirikers vor Augen stellt.


Der Brief bei Seneca

- Briefform beiläufig schon in de tranquilitate animi zu Anfang angewendet; Brief des Serenus (diesem auch de constantia sapientis gewidmet) dem Traktat vorangestellt, Traktat quasi als Antwortschreiben (sermo)

- In den Epistulae Morales wird die Epistel als Gattung zu dem Mittel, noch näher an den Lesenden heranzudringen als bisher. Wusste Seneca, dass er mit der Literaturepistel in Horaz einen Vorläufer hatte?

- Der Brief führt den Lehrenden noch am nächsten an den Leser heran; belehren wollte er dabei die jenigen, die nach ihm kamen (ep. 8, 2: Secessi non tantum ab hominibus, sed a rebus, et imprimis a meis rebus: posterorum negotium ago. Illis aliqua quae possint prodesse conscribo: salutare admonitiones, velut medicamentorum utilium compositiones, litteris mando, esse illas efficaces in meis ulceribus (Geschwüre) expertus, quae etiam si persanata non sunt, serpere (fortwuchern) desierunt.) Solange Seneca noch lebte, war er schon isoliert.

- Zuwendung an Lucilius = Zuwendung zu allen Menschen = Aufbrechen der Isolation

- daher: selten Stellen, die nur dem Adressaten verständlich sind

- Lucilius, das kann der historische Seneca-Freund sein, es kann der Angeredete, der zu Belehrende überhaupt sein; immer aber ist die Nennung des Namens ein Siegel der Freundschaft, und dem Freund kann man - innerhalb der Grenzen des Taktes - alles sagen, darf und muss ihn tadeln, darf und soll ihn loben.

- Wahl der Briefform bedeutet aber noch mehr: eine lange Strecke bedeutet die Epistelform, dass hier nicht mehr (wie zuweilen in den Traktaten) unpersönlich und systematisch argumentiert wird, sondern immer auf ganz konkrete Lebenssituationen bezogen, und zwar auf sehr viele, sehr verschiedene. Dies konnte der Traktatverfasser so nicht tun, der war an die im Proöm dargelegte, eine Situation gebunden. Briefform als größere Freiheit des belehrenden Schreibers. Aber: ab ep. 58 drängt sich Senecas Interesse am Systematischen vor (vgl. das Lehrbuch
naturales quaestiones; moralis philosophia [verloren]).

- epistulae morales ermangeln jedoch nicht der zugrunde liegenden Systematik: Systemstück an Systemstück wird geliefert, bis das System dann in seinen Grundzügen mit ep. 66 fertig dasteht.

- Schrittweise Auffüllung des Systems der stoischen Philosophie ist nicht das alleinige Ziel dieses Werkes. Sein Ziel ist es auch, durch ständiges Meditieren das Erkannte in der Seele zu verfestigen (regulae vitae) und durch ständige Paränese anzutreiben (Cancik).

- Darstellung seiner selbst als exemplum im Guten wie im Falschen (Cancik). Auch Seneca hat seine Schwächen, er liegt im selben Krankenhaus (ep. 27, 1 ...tamquam in eodem valitudinario iaceam).

- Seneca tritt keineswegs überall als der Belehrende, Drängende, ja Aggressive auf, und relativ selten beginnt er einen Brief mit einem Bericht über sich selbst, zumeist reagiert er (ita fac, ep.1; ex iis, quae mihi scribis, ep.2 usw.).

- Wie Horaz beginnt er mit einem besonderen Anlass, um von ihm aus meditierend zum Allgemeinen vorzudringen. Und diese allgemeine Ziel ist letztlich die Einpflanzung einer völlig neuen Weltsicht.

- Waren die Briefe zunächst mehr Behandlung von einzelnen Symptomen, so werden sie im Verlaufe der "Korrespondenz" immer mehr zur Forderung, eine neue Sicht der Einbettung des Menschen in den Kosmos zu akzeptieren.


Senecas Brieftheorie

(W. Schindler, speculum animi oder Das absolute Gespräch, AU 32, 1989)

- Absetzung (aemulatio) von Cicero; seltenes Schreiben für Seneca nicht durch occupationes entschuldbar

a) Brief 40: Senecas präskriptive Brieftheorie

Seneca rügt den pompösen Stil des Philosophen Serapio:

- Brief = Gespräch mit abwesendem Freund; kann Gespräch simulieren (zentraler Topos antiker Brieftheorie)

- Lektüre eines Briefes vermittle Gefühl des Zusammenseins; Korrespondenz hat Gesprächscharakter (ep. 67).

- Seneca lobt Briefstil des Freundes: er beherrsche die Wörter, lasse sich nicht hinreißen, argumentiere knapp und sachgemäß, deute mehr an, als er ausspreche

- Vergleiche müssen unverzichtbar sein und den Sachverhalt veranschaulichen
  (dicens - audiens: Gesprächsmodell)

In Abgrenzung von Serapio formuliert Seneca diejenigen Qualitäten, die die Gattung epistula auszeichnen:

- oratio des Schreibers muss sein: composita, ordinata, non concitata, non rapida neque abundans, magna ac seria, praecepta tradens, veritati operam dans, simplex, non perturbata neque inmissa, decora philosophiae, verba ponens - non proiciens, pedetemptim procedens, non violenta, moderata, expedita, facilis, observata, pressa - non audax.


b) Brief 75: Senecas Modifizierung der Theorie

- besondere Betonung der Spontaneität und der Natürlichkeit

- es kommt mehr auf das Was als auf das Wie der Äußerung an

- Seneca wünscht sich für die eigenen Briefe eine ungezwungene, saloppe und ganz der mündlichen Redeweise angenäherte Ausdrucksweise

- Kunst bewusster Kunstlosigkeit

- übertriebenes Pathos des Redners wird abgelehnt

- klare Darstellung der Gedanken und Stimmungen

- Übereinstimmung von Charakter und Stil (Topos der Brieftheorie, vgl. auch Brief 115)

- Sprache offenbare den "inneren" Menschen (ep. 114)

- Stil lasse Rückschlüsse auf den Charakter zu

- Brief als Spiegel des Ich


Marion Lausberg: Cicero-Seneca-Plinius

Zur Geschichte des römischen Prosabriefes (Anregung 37, 1991, 82-100)

- Plinius Cicero:
klassizistische Verehrung; Plinius kann - unter Trajan - wieder Politisches einfließen lassen, aber beschränkt

- während Nepos und Plinius die Cicerobriefe als inhaltsreiche lebendige Darstellung der politischen Verhältnisse bewundern, sieht Seneca darin einseitig ein Bild moralischen Fehlverhaltens; als Beleg für die Sittenverderbnis früherer Zeiten bringt Seneca auch in Brief 97 ein wörtliches Zitat aus den Atticusbriefen. In Brief 118 lehnt er diese Art Stoff für seine Briefe nachdrücklich ab. An die Stelle einer Darstellung der Laster einzelner historischer Persönlichkeiten will er, auf sich selbst und den Leser bezogen, allgemein die Frage nach der philosophisch begründeten, sittlich richtigen Lebensführung stellen und zur moralischen Vervollkommnung beitragen. In der Tat sind die epistulae morales so etwas wie ein einführender Lehrgang in die Ethik der Stoa.

- eine ähnliche Kritik wie an die Cicero-Briefe richtet Seneca in den gleichzeitig entstandenen naturales quaestiones auch an die Geschichtsschreibung, was die Nähe, in der Seneca Ciceros Briefe zu dieser Gattung sieht, unterstreicht (nat. quaest. 3, praef. 5: quanto satius est sua mala extinguere quam aliena posteris tradere... quanto satius est quid faciendum sit quam quid factum quaerere).

- anders als für Plinius sind für Seneca Ciceros Briefe nicht ein nachzuahmendes Vorbild, sondern ein Gegenbild, von dem er Ziel und Inhalt seiner eigenen Briefe an Lucilius scharf abgrenzt.

- auch ein Einzelmotiv wie die Entschuldigung seltenen Briefschreibens mit occupationes, wie es Plinius (9,2,1) aufgreift, lehnt Seneca ausdrücklich ab (ep. 106, 1: tardius rescribo ad epistulas tuas, non quia districtus occupationibus sum. hanc excusationem cave audias: vaco, et omnes vacant, qui volunt.).

- dabei stellt Seneca Ciceros Briefe an Atticus an anderer Stelle durchaus als eine Entsprechung zu seinen Briefen an Lucilius dar: wie Ciceros Freund Atticus durch die Publikation der Briefe an ihn Unsterblichkeit erlangt hat, so will auch Seneca dem Lucilius Unsterblichkeit verschaffen (ep. 21, 4).

- die Atticusbriefe Ciceros waren also, wie die Stelle zeigt, durchaus eine Art Bezugspunkt für Seneca, aber die aemulatio vollzieht sich in der Abgrenzung, ja der Antithese, wie auch Senecas Neffe Lucan sein Epos als eine Anti-Aeneis konzipiert. Das Verhältnis der neronischen Autoren zu den klassischen Mustern ist von stolzem Selbstbewusstsein, nicht von klassizistischer Nachfolge bestimmt.


Die Diatribe

(griechisch: Zeitvertreib, Unterricht, Gespräch)

- von den hellenistischen Popularphilosophen (bes. den Kynikern) im 3. Jhdt. v.Chr. geschaffene Form moralphilosophischer Rede, die sich in aufgelockertem, oft volkstümlichem Ton an ein breites Laienpublikum wendet, um es durch unterhaltsame Belehrung zu erziehen.

- zuerst Reden der kynisch-stoischen Wanderlehrer, seit Ende des 4. Jhdt. auch schriftlich in Vers oder Prosa.

- Frage und Selbstantwort

- Form des fingierten Dialoges, "Predigt"; vgl. Horaz, Sermones.

- Moralpredigt, die in fingiertem Dialog auf die Einwände eines angenommenen Hörers eingeht (fictus interlocutor)

- Vertreter: Bion von Borysthenes (325-255, Meister des Spudaiogeloion: Kunst, lachend die Wahrheit zu sagen; vgl. Horaz ep. II, 2, 60; serm. I, 1, 4; Prosa-Diatriben)

- Überleitung zur Satire: Kerkidas von Megalopolis (Meliamben gegen den Luxus), Menippos von Gadara. Fortsetzung in Senecas Dialogen u. Briefen, den Episteln und Satiren des Horaz, 1. Jhdt. n.Chr. Dion in der frühchristlichen Predigtliteratur, Moralpredigt.


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