Übersetzungstechnik

Allgemeine Vorbemerkungen

Das, was im Folgenden unter Übersetzung zu verstehen ist, sei hier kurz vorausgeschickt.
Die Untersuchung eines lateinischen Textes mit dem Ziel, ein umfassendes Textverständnis zu erlangen, wird immer zwischen folgenden 3 Tätitgkeiten des Übersetzers hin und her pendeln:


Das bedeutet nichts anderes, als dass jede Form der Übersetzung immer zugleich auch eine Interpretation des Textes darstellt. Eine grammatisch "richtige" Übersetzung ist daher nicht unbedingt identisch mit einer inhaltlich "richtigen" Übersetzung. Also: wer richtig übersetzen will, muss sowohl die grammatische Struktur eines Satzes richtig analysieren als auch seinen Inhalt richtig erfassen und deuten können. Das schließt natürlich mit ein, dass man auch gewillt ist, einen Text inhaltlich zu erfassen. Das schließt freilich auch aus, dass man - wie in früherem Lateinunterricht üblich - nach der Einzelsatzmethode vorgeht. Wer meint, richtig übersetzen zu können, indem er jeden Satz nur für sich genommen betrachtet und übersetzt, ist auf dem methodischen Holzweg.


Wie geht man beim Übersetzen vor ?

1. Irrweg

Zunächst sollte man den schlimmsten Irrweg im Reich der Übersetzungstechniken unbedingt vermeiden: die grundfalsche "von links nach rechts"-Methode, die auch "Wort für Wort"-Methode genannt wird. Wer von links nach rechts übersetzt, hat bei 1 Prozent aller lateinischen Sätze grandiosen Erfolg, bei 99 Prozent scheitert er kläglich. Gründe dafür seien hier kurz genannt:

2. Konstruktionsmethode

Bei der sogenannten Konstruktionsmethode versucht man, einen lateinischen Satz von seinen wichtigsten grammatischen Konstruktionselementen her zu erschließen. Dabei müssen die grammatischen Beziehungen analysiert und in einer vorgegebenen Reihenfolge in eine deutsche Grobübersetzung aufgelöst werden.


Erster Schritt

Im ersten Schritt ist es dabei notwendig, den   Hauptsatz  [wenn denn ein Satzgefüge vorliegt] durch Abtrennen bzw. Ausklammern der   Nebensätze  zu ermitteln. Nebensätze erkennt man daran, dass sie durch Kommata vom übrigen Satz abgetrennt sind und zugleich durch ein nebensatzeinleitendes Wort mit dem übergeordneten Satz verbunden sind.


Zweiter Schritt

Im zweiten Schritt beginnt man nun, das "Konstruktionsgerüst" des Hauptsatzes aufzustellen. Dabei sucht man die wichtigsten   Satzteile  Prädikat, Subjekt und Objekt anhand der typischen Fragen:




Dritter Schritt

Im dritten Schritt werden nun alle übrigen   Satzteile  anhand von sinnvollen Fragestellungen vom Prädikat her erfragt und in die vorliegende Grobübersetzung eingefügt.

Wenn man die obigen Schritte "abgearbeitet" hat, liegt eine Übersetzung vor, die durch die Analyse der grammatisch-syntaktische Konstruktion des lateinischen Satzes zustandegekommen ist. Nicht selten wird dabei die inhaltliche Komponente - ohne Frage die wichtigste, wenn es um Sprache, d.h. um Kommunikation geht - völlig vernachlässigt.


3. aurea mediocritas oder Die goldene Mitte

Um diser Gefahr vorzubeugen, ist es notwendig, einen methodischen Mittelweg einzuschlagen, den wir die goldene Mitte nennen wollen. Verstanden wird darunter ein ständiges Wechselspiel zwischen der oben dargestellten grammtisch-syntaktischen Analyse des lateinischen Satzes, einer deutschen Grobübersetzung und der Überprüfung der bisherigen Übersetzungsergebnisse anhand des Kontextes, also des Textzusammenhangs und der Intention (Schreibabsicht) des Autors. Je mehr man über den Inhalt des Textes weiß (z.B. durch eine Überschrift oder einen zusätzlichen einleitenden deutschen Text), desto eher bildet schon am Anfang des Textes der Textzusammenhang eine entscheidende Kontrollinstanz der Übersetzung, da zum Verständnis eines jeden Textes ein gewisses Vorwissen notwendig ist. 

Für die Übersetzung ist die Erkenntnis entscheidend, dass jeder Satz eines Textes auf den Inhalt des vorherigen Satzes bzw. der vorherigen Sätze aufbaut. Man darf einen Text also nicht als eine Aneinanderreihung von Einzelsätzen betrachten, denen man losgelöst voneinander durch eine rein grammatisch-sytaktische Analyse gerecht würde. Vielmehr liegt immer eine sogenannte Thema-Rhema-Struktur vor:

Unter dem Thema versteht man die durch den vorangegangenen Satz bereits bekannte Information, unter Rhema die noch unbekannte, neue Information eines folgenden zu übersetzenden Satzes.

Die Thema-Rhema-Beziehung als Grundstein des inhaltlichen Textzusammenhangs verdeutlicht, dass man Texte in derjenigen Reihenfolge verstehen und übersetzen muss, in der sie geschrieben worden sind. Findet man in einem Satz zum Beispiel Konnektoren wie "itaque" oder "qua de causa", so ist unmittelbar klar, das dieser Satz eine Begründung des vorherigen Satzes beinhalten muss usw. Man kann einen Textabschnitt daher nur schwer oder auch gar nicht verstehen, wenn man sich einen Satz herausgreift und so weder Thema noch Rhema bestimmen kann.



Fazit

Geht man also bei der Übersetzung eines lateinischen Textes so vor, dass man sowohl die grammatisch-syntaktische Analyse anwendet als auch die Thema-Rhema-Struktur im Auge hat, dann ist man auf dem richtigen Wege. Die Anwendung der grammatisch-syntaktischen Analyse und die gleichzeitige Beachtung der inhaltlichen Thema-Rhema-Struktur führen dazu, dass zumindest grobe Fehler vermieden werden können. Unstimmigkeiten in einem der beiden Aspekte der Übersetzung muss dazu anleiten, im jeweils anderen nach Fehlern zu suchen, sodass sich die Möglichkeit einer effektiven Übersetzungskontrolle als Selbstkontrolle ergibt - ohne dass ein Lehrer oder Nachhilfelehre dieselben helfenden Fragen stellt, die man sich mit Hilfe dieser Herangehensweise selbst stellen kann.


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